Thursday, April 27, 2017

„Ich hab’s jedes Mal bereut“: Ed Brubaker über Verlage, Superhelden und Urheberrechte

Pünktlich zum 20. Geburtstag von Image Comics kehren erneut viele Comicschaffende Marvel und DC den Rücken. Im Interview spricht Ed Brubaker über seinen Abschied von Marvel, die Renaissance der „Creator-Owned“-Comics und das neue Selbstbewusstsein der Kreativen.

Das Konzept des Verlags Image Comics ist simpel: Urheber sollen selbst über ihre Werke verfügen können, mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen. Wer bei Image veröffentlicht, erhält kein Honorar und muss selbst für den Druck aufkommen, der Verlag behält außerdem pro Veröffentlichung eine vierstellige Pauschale aus den Umsätzen ein, um seine Fixkosten abzudecken. Im Gegenzug beansprucht Image—anders als etwa Marvel oder DC—weder Rechte am veröffentlichten Material noch eine weitergehende Beteiligung im Erfolgsfall. Das Modell lässt Urhebern also alle Trümpfe, birgt aber auch ein gewisses Risiko.

Eine beeindruckende Zahl hochkarätiger Comicschaffender will das Image-Modell nun erstmals oder erneut in Anspruch nehmen. Zu etablierten Image-Größen wie Robert Kirkman, Joe Casey und Jonathan Hickman stoßen 2012 unter anderem Brian K. Vaughan, Greg Rucka, Michael Lark, Bryan Hitch, Matt Fraction, Howard Chaykin, Brian Wood, J. Michael Straczynski und Grant Morrison. Seit seiner Gründung 1992 konnte sich Image keiner solchen Beliebtheit unter Kreativen aus der ersten Reihe erfreuen.

Auch Ed Brubaker ist einer von ihnen. Nachdem er sich zunächst bei DC mit Batman, Catwoman, Gotham Central und Sleeper einen Namen gemacht hatte und dann als Autor von Serien wie Captain America, Daredevil und Winter Soldier acht Jahre lang zu den Aushängeschildern von Marvel gehörte, bricht Brubaker nun seine Zelte bei den beiden Superhelden-Großverlagen ab. Mit seiner Horrorserie Fatale, gezeichnet von Sean Phillips, ist er einer der Vorreiter der neuen Riege von Image-Autoren.

MARC-OLIVER FRISCH: Ed, ich war überrascht, dass Fatale nicht wie zuvor Criminal und Incognito bei Marvels Icon-Label erscheint, sondern bei Image. Wieso der Wechsel?

ED BRUBAKER: Vor allem, weil ich Eric und Kirkman [Eric Stephenson und Robert Kirkman von Image] versprochen hatte, etwas bei ihnen herauszubringen. Ich wollte es mal mit Image versuchen und sehen, wie’s läuft. Icon ist großartig—und man sollte nie vergessen, dass es so etwas wie Icon, wo Autoren die Rechte und das Sagen haben, bei DC nicht gibt. Aber Icon ist nur ein kleiner Teil der Marvel-Maschinerie, und ich wollte wissen, ob es einen Unterschied macht, bei einem Verlag zu sein, dessen Hauptaugenmerk auf „Creator-Owned“-Sachen liegt.

FRISCH: Und? Macht es einen Unterschied?

BRUBAKER: Ja, sicher. Wir sind in der ersten Woche des Jahres gestartet, und ich weiß auch nicht so recht, was los ist, aber wir scheinen genau den Moment erwischt zu haben, in dem Image als Verlag kritische Masse erreichte. Offenbar waren wir zur rechten Zeit am rechten Ort. Es scheint, als würden Leser und Händler Image nun eher wahrnehmen als noch vor ein paar Jahren. Wir haben Fatale 1 viermal nachdrucken lassen und inzwischen um die 42.000 Hefte verkauft. Es wäre noch mehr drin gewesen, aber dann stand schon der Sammelband an. Ich höre auch von vielen neuen Lesern, die mich und Sean jetzt erst entdecken.

FRISCH: Kommerziell erfolgreiche Eigenproduktionen waren bisher ja eher Glücksfälle auf dem US-Markt. Ändert sich da gerade etwas?

BRUBAKER: Ich glaube schon, ja. Es ist wohl immer noch schwer, aber wenn du etabliert bist, scheint sich etwas zu tun. Saga, Fatale oder Hickmans neue Serien verkaufen sich alle viel besser, als wir je gedacht hätten. Ich gehe davon aus, dass Morrisons neuer Comic auch ein Riesenerfolg wird, genau wie einige andere Image-Serien, die in den Startlöchern stehen. Image scheint gerade einen Lauf zu haben. Mehr und mehr große Namen wollen dort ihre Projekte umsetzen, und diesmal sind noch größere Namen dabei. Also haben sie plötzlich eine Fülle an qualitativ hochwertigen Alternativen für den Comicmarkt am Start.

FRISCH: Nicht nur Image blüht gerade auf, auch bei Dark Horse und anderswo erscheinen in den letzten Monaten mehr „Creator-Owned“-Comics, und gleichzeitig entstehen digitale Plattformen dafür, wie Thrillbent oder MonkeyBrain. Steht der US-Markt vor einem Paradigmenwechsel?

BRUBAKER: Irgendwie hab ich tatsächlich den Eindruck. Aber mal abwarten, wie’s in einem Jahr aussieht. Es gibt solche Verschiebungen von Zeit zu Zeit, wie damals, als Image gegründet wurde. Das ist ganz interessant. Was ich immer schon merkwürdig fand: In den Vierzigern, als sich Superhelden nicht mehr verkauften, versuchten die Verlage es einfach mit anderen Genres, und dann kamen eben Schnulzen und Horror ganz groß raus. Aber später dann hat die Branche so einen Spurwechsel irgendwie nicht mehr hinbekommen. Und momentan stellen wir gerade fest, dass die Händler gegenüber neuen Comics empfänglicher sind, glaube ich, auch gegenüber Sachen außerhalb des Superhelden-Genres. Es ist sehr aufregend zu sehen, wie gut The Walking Dead und Saga und Chew laufen, oder dass Locke & Key sich mit jeder neuen Miniserie besser verkauft.

FRISCH: DC hatte mal einen gewissen Ruf für Comics, bei denen Autoren zumindest einen Teil ihrer Rechte behalten konnten—speziell bei Vertigo, wo Sie früher auch publiziert haben. Ist das eine Option, die aktuell für Sie interessant wäre?

BRUBAKER: Ich mag die Leute bei Vertigo, und das war ja gewissermaßen auch mein Einstieg. Aber ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich meine Rechte und die Kontrolle über meine Sachen nicht mehr teilen will. Vertigo hat Vorteile, die zahlen dir vorweg ein Seitenhonorar, und sie bringen einige meiner Lieblingscomics heraus. Aber man gibt dort seine Rechte aus der Hand. Ich verstehe nicht, wieso in dieser Branche alle glauben, sie müssten ihre Rechte abtreten, weil ihnen jemand ein Honorar zahlt. Romanautoren kriegen ja auch einen Vorschuss für ihre Bücher, und ihre Verlage wollen dafür auch nicht am Copyright beteiligt werden oder sämtliche Medienrechte einstreichen. Das Standardargument der Comicverlage ist, „Wir tragen das Risiko“, aber die meisten Comics haben sich ja schon vor dem Druck amortisiert.

FRISCH: Woran ist die Einführung eines solchen Modells, wie es bei richtigen Verlagen üblich ist, bislang gescheitert?

BRUBAKER: An Traditionen wahrscheinlich. Die Comicbranche ist aus Groschenroman-Verlagen entstanden. Dort ist das von Anfang an Standard gewesen: Man streicht ein Seitenhonorar ein und tritt dafür fast alle Rechte ab. Und hey, klar ist das toll, wenn du einen Lohn dafür bekommst, ein Projekt umzusetzen, das dir am Herzen liegt. Und viele haben auch kein Problem damit, ihre Rechte zu teilen. Hatte ich ja auch nicht, zu Beginn meiner Karriere. Aber hinterher hab ich’s jedes Mal bereut. Jetzt bin ich in der glücklichen Position, das nicht nötig zu haben.

FRISCH: Sie sagten neulich, Ihr „Tank“ sei „so gut wie leer“, was Superhelden-Storys angeht. Bezieht sich das rein auf das Genre oder auch auf die verschiedenen Bedingungen, an die Marvel- oder DC-Comics geknüpft sind?

BRUBAKER: In erster Linie meine ich die Idee, dass sich Leute Masken überstülpen und andere Leute verprügeln, um Probleme zu lösen. Das ist einfach nicht das, worüber ich schreiben will.

FRISCH: Seit 1999 sind Sie ununterbrochen für DC und Marvel tätig gewesen. Wie ordnen Sie diese 13 Jahre Ihrer Karriere rückblickend ein?

BRUBAKER: Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, bin ich während dieser Zeit erstaunlich gut behandelt worden. Auftragsarbeiten an sich sind nichts Schlechtes. Man kann daran seinen Spaß haben und sehr gut davon leben. Bei mir ist es nur so, dass mich die damit verbundenen Abläufe und der ständige Zeitdruck schon länger schlauchen. Und ich würde auch gerne viele Ideen—für Comics und andere Medien—umsetzen, die mit Superhelden nichts zu tun haben. Vielleicht gibt’s ja einfach eine innere Stimme, die dir ein gewisses Pensum an Auftragsarbeiten zugesteht und dann sagt, „Okay, das reicht, jetzt geh und mach dein eigenes Ding.“


Das Interview wurde im August 2012 per E-Mail geführt. Eine Fassung erschien 2012 im Comic-Fachmagazin Alfonz.

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